AUTHENZITÄT UND INOVATION

R. Prechtl, Münchner Merkur, 31.5.02

Niemand käme auf die Idee, Interpreten klassischer Musik zu verübeln, dass sie Kompositionen der Barockzeit oder der Wiener Klassik werktreu aufführen. Dagegen gehört es bei manchen Jazzkritikern schon zum Image, auf all jene Musiker einzuhacken, die nicht an der Avantgarde-Front stehen, sondern sich darum bemühen, an älteren Stilrichtungen anzuknüpfen, obwohl doch die den Jazz kennzeichnende Improvisation immer Eigenständigkeit und Freiheit garantiert.

Dass man aber auch mit Standards im Stil der 50er-Jahre kreativ sein kann, bewiesen die Sängerin und Trompeterin Annette Neuffer und der Saxofonist Claus Koch, beide Mitglieder der «Al-Porcino-Bigband», als sie Swing, Bebop, Cool Jazz und Hard Bop im Rosenheimer «Le Pirate» mit Authentizität und Innovation präsentierten.

Da erklang eine Stimme, die an große Vokalistinnen der Jazzgeschichte erinnerte: Annette Neuffer hat die Tonbildung einer Dinah Washington und das dunkel-mystische Timbre einer Sarah Vaughn. Ihr Gestaltungsspektrum reicht dabei von melancholischen Balladen wie «Stardust» oder «Detour Ahead» über relaxed phrasierte Swinger wie Horace Silvers «Strollin» zu Bop-Nummern im Up-Tempo wie Billy Eckstines «The Real Thing Happened To Me». So ausdrucksstark ihre Stimme ist, so sensibel und lyrisch bläst sie auch ihr Flügelhorn und orientiert sich im Sound und in der Melodik an den frühen Miles Davis und an Chet Baker.

Bemerkenswert war an diesem Abend auch ihr homogenes Zusammenspiel mit dem Tenoristen Claus Koch, aus dessen Feder die boppigen Stücke «Dubravka's Delight» und «Snooki-ing» stammten. Koch gehört zu den wenigen jungen Saxofonisten, die das Stilpotenzial bedeutender Tenoristen der Swing-Ära und des Modern Jazz tief aufgesogen, verinnerlicht und weiterverarbeitet haben. Hörbar haben da Lester Young, Hank Mobley oder Sonny Rollins Pate gestanden. Kochs klare Artikulation beeindruckt ebenso wie sein warmer, voller Ton. In seinen Improvisationen erzählt er Geschichten und zitiert Vorbilder. Sein Solo über Cole Porters Bossa «Good Bye Little Dream» erwies sich als Reminiszenz an Stan Getz.

Am Piano saß Bernhard Pichl, Dozent an der Nürnberger Jazzhochschule. Einfühlsame Begleitung, filigrane Läufe in der rechten Hand, unorthodoxe Motivsequenzen und expressive Blockakkorde sind Kennzeichen seiner geschmackvollen Spielweise. Zusammen mit Bass und Schlagzeug setzt Pichl spannungsgeladene Akzente und gibt den Stücken atmosphärischen Rückhalt.

Bassist Wolfgang Kriener pulsierte mit Walking-Bass-Linien und glänzte auch als fingerfertiger Improvisator, besonders wenn er seine Choruslinien unisono mitsang. Dabei bereicherte sein Triolen-Feeling die Stücke um eine rhythmische Note, wie etwa in «Come Dance With Me» zu hören war, dem Titelstück der hörenswerten CD des Annette-Neuffer-Quintetts.

Wegen seiner diversen Hommage-Konzerte ist der Schlagzeuger Michael Keul kein Unbekannter im «Le Pirate». Er sorgte für den intensiven Drive, wechselte je nach Kompositionscharakter Besen, Stöcke und Schlegel und brachte selbst langsame Balladen zum Swingen. Seine knackigen Breaks und rollenden Soli verliehen den Stücken rhythmischen Nachdruck.

Die begeisterten Zuhörer ließen das Quintett am Schluss erst nach einem dampfenden Zugaben-Blues von der Bühne.

 

R. Prechtl, Münchner Merkur, 31.5.02